Donnerstag, 14 Juni 2012 15:43

Vom Aussterben bedroht: Wie StudiVZ den steilen Weg nach Unten nimmt

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Soziale Netzwerke sind der Motor des Web 2.0. Doch sie kommen und gehen. Eines der Netzwerke, dass einen steilen Fall mitmachen musste ist StudiVZ, Teil der VZ-Netzwerke der Holtzbrink-gruppe. Dazu gehören SchülerVZ, MeinVZ und das ehemalige Sternchen StudiVZ. Abriss eines Niedergangs.

{jcomments off}An dieser Stelle möchte ich mit einem Lied einsteigen: Rio Reiser - Junimond.

Ich erinnere mich noch, wie mich 2006 ein Kommilitone fragte, ob ich wüsste wie dieses Netzwerk für Studierende hieße. Ich wusste es nicht. StudiVZ, so sollte ich wenig später erfahren, hieß es. Zu diesem Zeitpunkt war das, am 11.11.2005 von Ehssan Dariani, Michael Brehm und Dennis Bemmann gegründete StudiVZ, noch recht unbekannt und relativ klein. Mitte 2006 hat es die Suchanfragenschwelle durchbrochen, die benötigt wird, um bei Google Trends verzeichnet zu werden. (Daniel hat einen kleinen Artikel geschrieben, der Google Trends vorstellt)

studivz

Von da an ging es steil bergauf. Doch schon seit erstarken des Netzwerkes gab es immer wieder Kritik an StudiVZ, wegen des Daten- und Jugendschutzes und des Designs.

Von Beginn an musste sich das Netzwerk den Vorwurf gefallen lassen, bei Facebook kopiert zu haben: Wenn man sich diesen Vergleich anschaut, ist der Gedanke nicht abwegig. StudiVZ war sich zu diesem Zeitpunkt sicher nicht bewusst, dass es damit den Grundstein für seinen eigenen Abstieg gelegt hatte - doch dazu später mehr. Um den Vorwurf des Plagiarismus kam es im im Juli 2008 sogar zu einem Rechtsstreit zwischen den beiden Kontrahenten. An dieser Stelle kann man sich fragen warum Facebook zwei Jahre zuschaut, wie StudiVZ wächst und gedeiht um dann so spät erst zu klagen.

Facebooks Schritt gegen StudiVZ zu klagen ist ein sehr typischer in einer Situation wie dieser. Anfang 2007 hat die Holtzbrinck Gruppe für das damals etwa 1 Mio. Mietglieder starke Netzwerk rund 85 Mio. Euro gezahlt. Anfang 2008 sollen dann Verhandlungen um eine Übernahme StudiVZs durch Facebook statt gefunden haben. Da Holtzbrinck jedoch ein vielfaches dieser 85 Mio. € gefordert haben soll, reichte Facebook Klage wegen des vermeintlich kopierten Designs beim U.S. District Court in San Francisco ein. Die Methode ist nicht neu: Wenn sich bei Übernahmeverhandlungen (oder auch schon davor) herausstellt, dass der geforderte Übernahmepreis zu hoch ist, wird versucht den Preis zu drücken. Dafür werden dann Klagen eingereicht, deren Gründe meist schon lange bekannt waren, aber aus strategischen Gründen zurück gehalten wurden. Heute werden diese Kämpfe meist auf dem Terrain des Intellectual Property (IP) (engl. für Geistiges Eigentums) ausgetragen. Damit sind Geschmacksmuster, Patente etc. gemeint. Im September 2009 einigten sich Facebook und StudiVZ durch Zahlung einer nicht bekannt gemachten Summe.

Facebook litt unter dem Problem in Deutschland nicht so recht Fuß fassen zu können und versuchte es daher mit einer Übernahme des größten sozialen Netzwerkes im deutschsprachigen Raum. Insgesamt hatte Facebook damals 139 Mio. Mitglieder, in Deutschland waren es deutlich unter 2 Mio. StudiVZ hatte demgegenüber etwa 17 Mio. Nutzerinnen und Nutzer.

Wo wir gerade dabei sind: es folgt ein kleiner Ausflug in Welt der Zahlen. Dazu habe ich die IVW-Daten (sog. Mediadaten, die Auskunft über die Reichweite einer Seite geben) vom offiziellen Internet Auftritt der IVW gesammelt. In der folgenden Abbildung könnt ihr das ja mal auf euch wirken lassen. Ich muss dazu sagen, dass ab April 2010 die Werte von meinVZ, StudiVZ und schuelerVZ zusammengefasst wurden und sich diese daher nicht mehr miteinander vergleichen lassen und außerdem für die letzten Monate fehlerhafte Werte angegeben wurden. Ein paar aktuelle Werte habe ich aber doch noch eingefügt um zu zeigen, wo wir gerade stehen. (Quelle: studivz.net, 2012)

akte-studivz-04

Neben dem Rückgang der Zugriffszahlen wird hier noch etwas anderes deutlich. Ein Seitenaufruf ist jeder Klick auf der Webseite, der eine neue Seite lädt. Besuche sind dagegen zusammenhängende Zugriffe auf die Seite. Vergleichen kann man das mit einem Kaufhaus: Ich betrete das Haus (= 1 Besuch) und schaue mich in 6 Abteilungen um (= 6 Seitenaufrufe). Wenn ich nun das Haus wieder verlasse und noch mal rein gehe, ist das ein neuer Besuch. Man könnte hier noch Unique Visitors angeben, aber in Zeiten von Adblockern, deaktivierten Cookies usw. ist die Aussagekraft dieser Werte tendenziell eher zweifelhaft [1].

Da die Anzahl der Besuche zu dieser Zeit noch relativ konstant waren, die Seitenaufrufe aber abgenommen haben, kann darauf geschlossen werden, dass die Leute, die StudiVZ noch besuchen weniger Interesse an der Seite haben bzw. weniger mit ihr interagieren (dazu gibt es den Wert PageImpressions per Visit). 2011, welches schon schlecht lief, wurden auf StudiVZ.de noch durchschnittlich 41 Min. pro Tag zugebracht. Im Mai 2012 sind es nur noch 32 Minuten. Alexa.com verrät für StudiVZ sogar, welche Webseite die die Leute vor bzw. nach ihrem Besuch am meisten besuchen: facebook.com (14,52% bzw. 16,85%). Ob dadurch der Schluss zulässig ist, dass mindestens 14,52% der Unique Visitor StudiVZ als zusätzliches Netzwerk nutzen bleibt offen. Immerhin kann ein Unique Visitor erst auf Facebook gehen, dann auf StudiVZ und dann wieder zurück zu Facebook; gezählt würde er oder sie dann in jedem Fall zwei Mal.

Wenn wir uns das Diagramm anschauen sollten wir uns die Frage stellen: was ist 2008 passiert, dass die Zugriffszahlen so einbrechen und dann stagnieren? Nichts ist passiert! Genau darin liegt das Problem. StudiVZ war einfach zu träge, was die Einführung neuer Funktionen anging. Durch reines social networking waren die Leute nicht mehr zu halten. Dann wurden doch etliche VZ-Mitglieder auf facebook aufmerksam als es um den Plagiats-Vorwurf ging. Außerdem hatte facebook Platform-Apps. Unter anderem Casual Games wie Farmville. StudiVZ hat hier erst viel zu spät nachgezogen. Diese Trägheit könnte auch dem Versuch geschuldet sein, die Kraft nicht auf die Weiterentwicklung der deutschen  Platform zu verwenden, sonder auf internationale Märkte zu dringen. Auf einigen dieser Märkte, wie z.B. Frankreich, hatte Facebook bereits 15% der Einwohnerinnen und Einwohner als Mitglied.

Zeitweilig gab es StudiVZ-Ableger in Spanien, Frankreich Italien, Polen und anderen Ländern. Vernetzt waren diese VZ-Plattformen untereinander aber nie. Demgegenüber hat facebook keine Grenzen: Es ist in vielen Sprachen verfügbar (sogar Piraten-Englisch oder upside-down) und ob in Indien, den USA, oder im Zimmer nebenan, es macht keinen Unterschied wo die andere Person sitzt.

Wenn ich jetzt gerade bei facebook bin, kann ich auch kurz etwas Interessantes zeigen: facebook.com im Jahr 2004 Damals gehörte die Domain facebook.com noch dem Unternehmen "about face", die Software für employee directories oder auch facebooks veröffentlicht haben. Erst 2005 hat Mark Zuckerberg die Domain für 200.000 bis 250.000 US$ gekauft. Vorher hieß facebook noch thefacebook.com

Also zurück zu StudiVZ. StudiVZ fällt nun, wie am Anfang angedeutet, das eigene Design auf die Füße. Es ist dem von facebook so ähnlich, dass die Umgewöhnung sehr leicht fällt. Alles ist dort, wo man es von studiVZ erwarten würde. So begannen einige umzuziehen. Wenn irgendwann das halbe eigene soziale Netzwerk nicht mehr dort ist, wo man es gewöhnt ist, dann wird man vielleicht auch selbst Konsequenzen ziehen und umziehen. Ich nenne das die kritische Masse. Je mehr Menschen Teil eines sozialen Netzwerkes werden, desto größer wird die Anziehungskraft und Attraktivität für die, die sich noch im anderen Netz befinden, das droht ausgeschlossen zu werden.

Abschließend können wir also feststellen, dass StudiVZ in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht. Wie lange die Holtzbringk-Gruppe das noch mitmacht ist fraglich. Auf lange Sicht kann nur eine Neuausrichtung helfen, doch die Konzepte dafür fehlen. Hier zum Abschluss noch ein kleines Diagramm:

akte-studivz-06

StudiVZ ist da, aber kaum jemand möchte es nutzen... In diesem Sinne:

"Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster
mit müden Augen, ganz staubig und scheu.
Ich bin hier oben auf meiner Wolke
ich seh dich kommen, aber du gehst vorbei.
Doch jetzt tut's nicht mehr weh
nee, jetzt tuts nicht mehr weh.
Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf
wenn ich dich seh.

Es ist vorbei, bye bye Junimond.
Es ist vorbei, es ist vorbei, bye bye..." (Rio Reiser)


Literatur

[1] Rowbottom, N., Allam, A., & Lymer, A. (2005). An exploration of the potential for studying the usage of investor relations information through the analysis of Web server logs. International Journal of Accounting Information Systems, 6(1), 31–53.
Gelesen 4023 mal Letzte Änderung am Dienstag, 04 Februar 2014 20:12

Sebastian

Sebastian studied Business Education and has a particularly strong interest in Serious Games and Gamification. His love for all things Tech, e.g. PCs, Internet, steadily grew since he played his first computer games, that came on a tape. Looking at things from all possible angles is equally important to him as learning something new every day.

You can try to pigeonhole him - it wouldn't work. There's always something unexpected waiting for you.

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